Ich

Ich will existieren.
Ich will einen Blog haben.

Ich bin Demien Bartók. Mein Leben ist eine Performance.
Ich interagiere mit der Welt. Ich bin gezwungen zu interagieren.
Ich bin eine Maschine, die Kunst macht.
Ich bin eine Maschine, die Worte macht.
Ich bin eine Maschine, die Gedanken macht.
Ich ich ich ich ich.

Ich bin Demien Bartók. Mein Blog ist eine Performance.
Ich bin nicht witzig und ich bin nicht ernst.
Ich bin eine Maschine, die Kunst macht.
Ich bin eine Maschine, die Worte macht.
Ich bin eine Maschine, die Gedanken macht.
Ich ich ich ich ich.

Ich lebe in einer Wohnung in Erfurt.
Der Boiler geht vielleicht bald wieder kaputt.
Der Vermieter weiß vielleicht gar nichts von mir.
Meine Schlaflosigkeit ist ein Revolver.
Meine Schlaflosigkeit ist ein Kanister aus Metall,
den ich das Treppenhaus hochtragen darf.
Die Leute, die hier wohnen, schauen so böse wie meine Mutter:
sie dulden mich, aber wie lange noch? Jemand schielt.
Entspanntes Café. Hier bin ich.

Ich stelle mich in Euren Dienst.
Hier habt ihr meine Empfindlichkeit.

Texte




(1)
Das größte Glück des Menschen ist, dass er nicht gezwungen ist, so zu bleiben wie er ist, dass er in der Lage ist, sein Bewusstsein und damit sich selbst umzugestalten. Das Wort "Ich" suggeriert, dass es eine feste, immergleiche, zentrale Instanz gibt, die bestimmt, wie man sich verhält, was man denkt und fühlt, doch diese Instanz, diese Substanz gibt es nicht. In seiner Gesamtheit ist dieses Buch eine feierliche Absage an das Konzept einer personalen Identität, ein fragmentarisches Plädoyer für eine experimentelle, abenteuerlustige Haltung zum eigenen Gehirn und einen lustvollen Umgang mit der grundlegenden Fragilität und Undurchschaubarkeit menschlichen Lebens.

Die zahlreichen Möglichkeiten, das eigene Bewusstsein zu verändern, sind Werkzeuge, um sich zu behaupten und die Welt zu erfahren, sind Genussmittel, die helfen sich und die Welt zu ertragen und sind Waffen, mit denen man sich im Alltag verteidigen und im Notfall auch angreifen kann. Die Wahl der Mittel, die Art und Weise ihrer Anwendung und die Reflexion darüber definieren die gesamte Erfahrung. Es kann gewiss gefährlich sein, bestimmte Mittel zu unterschätzen, aber ist es nicht auch fahrlässig, bestimmte Mittel überhaupt nicht kennenlernen zu wollen aus Angst oder wegen bestimmter Prinzipien?

Folgende Werkzeuge habe ich in den letzten fünf Jahren schätzen gelernt, um mich zu modifizieren: Kaffee, Cannabis, DXM, 1pLSD und Butandiol; im weiteren Sinne sind auch Liebeskummer, Armut, Kunst und politisches/soziales Engagement Werkzeuge, die mich wie die genannten Substanzen umgestaltet haben. Ich bin sehr froh, in der Lage zu sein, diese Mittel einzusetzen, ich verdanke ihnen, kurz gesagt, meine Emanzipation von der kleinbürgerlichen, lieblosen, hysterischen Mentalität, die im Erzgebirge - von da stamm ich - weit verbreitet ist und zumindest meine Eltern fast vollständig im Griff hat. Was das Erzgebirge aus mir gemacht hat, musste ich hassen und ich verdanke es all den großartigen Werkzeugen, dass ich an meinem Selbsthass nicht zugrunde gegangen bin, und nun, seit zehn Jahren lebe ich in Erfurt, weiß ich, was ich mit mir anfangen soll, ich stehe mit beiden Beinen in meiner schiefen, dunklen Welt und mein Gesicht leuchtet, wenn ich mich an die Möglichkeit einer radikalen Verbesserung der Lebenswirklichkeit sämtlicher Menschen dieses Planeten festhalte.
Zu meinem Glück gehört übrigens auch, dass ich weiß, was ich nicht nötig habe, nicht nötig haben will: die üblichen Mittel zur Bewusstseinsverengung: Alkohol, Amphetamine, synthetische Antidepressiva und Opiate; und im weiteren Sinne Ideologien wie Gott, Kapital, Muttersprache, Vaterland, Wahrheit, Schuld, Erwerbsarbeit, Selbstsicherheit, monogame, heteronormative Beziehungen, Popmusik und Fleisch.

Experimente mit dem eigenen Bewusstsein sind große, seltsame Abenteuer - vielleicht die letzten verbliebenen - zu denen sich jeder verpflichtet fühlt, der keinen festen, gemütlichen Platz in der menschlichen Gemeinschaft hat. Die Unsicherheit der eigenen Existenz reizt zum Äußersten: nämlich der Frage nachzugehen, was es mit dem eigenen Gehirn auf sich hat.
"Was bin ich?", "Warum bin ich so und nicht anders?", "Was passiert mit mir, wenn ich mehrere Tage wach bleibe oder mehrere Tage nichts esse oder dieses oder jenes Molekül in mein System installiere?", "Was kann ich ernst nehmen?", "Wem oder was muss ich mich unterwerfen?", "Wie kann ich mein Leben nach meinen Vorstellungen verändern?", "Woher kommen meine Vorstellungen?", "Wer profitiert von meiner Moral?", "Wo genau ist mein Selbst lokalisiert?", "Ist das Ich ein Ding oder ein Prozess oder eine Illusion?", "Wo höre ich auf und wo beginnt die Welt?" - Die Vertiefung dieser Fragen hat mir den Boden unter den Füßen weggenommen und hier, in der Schwebe, im Ungefähren, im Missverständlichen, im Vagen, im Unaussprechlichen, im Zwiespalt habe ich endlich den Ort gefunden, an dem ich mich aufrichtig und lebendig und glücklich fühle. Bin ich angewiesen auf Menschen, die mir das glauben?

(2)
Für gewöhnlich nimmt man das eigene Bewusstsein als gegeben hin, man denkt vielleicht gar nicht darüber nach, was es genau ist: erst, wenn man es bewusst verändert, es damit in Frage stellt, wird es zu einem skandalösen Rätsel, wird man selbst zu einem Rätsel, dem niemand gewachsen ist. Seit ich zum ersten Mal über dreißig Stunden wachgeblieben bin, weiß ich, dass mein Personalpronomen in Anführungsstriche gehört: "ich" bin viel mehr als der, der ich im nüchternen, ausgeschlafenen Alltagszustand bin, "ich" bin viel mehr als ich sein will, mehr als ich kennen kann, "ich" kann "mich" gar nicht kontrollieren, sondern mich nur beobachten, wie mein Gehirn tut, was es tun muss, wie mein Körper tut, was er tun muss. Erschöpft von Luzidität sinke ich an den äußersten Rand meiner körperlichen Existenz; organische Masse, verdammt dazu, wahrzunehmen, unfähig, Entscheidungen zu treffen, ausgeliefert dieser Stadt, dieser Wohnung, dieser Sprache, respektlos gegen jedwede Moral und Ästhetik in einem Leben eingeklemmt, das zwischen zwei Unendlichkeiten Nichts eingeklemmt ist, ohne Aufgabe, ohne Haltung, ohne Substanz, ohne Kern, ohne Richtung. Die Schlaflosigkeit hat mir jede Selbstverständlichkeit genommen, mich in das formlose, endlose Wirrwarr gestoßen, das mich im Innersten zusammenzuhalten scheint; sie hat mir bewiesen, dass ich absolut nichts wert bin, dass überhaupt nichts einen Wert hat und dass man frei nur sein kann, wenn man gleichgültig gegen alles ist, nichts auf sich hält und so wenig wie möglich Spuren im Dasein hinterlässt.

Vor drei Jahren, im Sommer 2014, habe ich Marihuana als Werkzeug entdeckt, mit dem ich diesem Nihilismus, der langsam zu gewaltiger Paranoia und Depression führte, etwas Gemütliches, Schöpferisches, Manisches entgegenzusetzen konnte, es stärkte meine Empathie, polsterte meine Zweifel und half mir, mich als Schriftsteller und Musiker wirklich ernst zu nehmen. Ich therapiere mich seither mit diesem Kraut und sowohl mein Psychiater als auch mein Psychotherapeuth haben bisher nichts dagegen einzuwenden. Die Heiterkeit und die Gelöstheit können nämlich so weit getrieben werden, dass man sich vorstellen kann, eines Tages Bürgermeister zu werden und die Stadt in ein gemütliches Wohnzimmer für alle zu verwandeln.
"Wären doch alle so entspannt und empfindlich und mutig wie ich!", seufzt der illegale Tagträumer im Schatten einer Trauerweide und zieht nochmal an seinem Graspfeifchen. Überfordert, aber heiter, wirr, aber guter Dinge, langsam, aber genau, tollpatschig, aber zärtlich lässt er sich das Leben gefallen, gefällt er sich als sich selbst rätselhafter Teilnehmer an einer sich selbst rätselhaften Menschheit mit ihren rätselhaften Institutionen. "Wenn sich nur mehr Leute über sich und die Welt wundern könnten, ohne sich für eine feste Wahrheit entscheiden zu wollen!", flüstert der Tagträumer, im Stadtzentrum auf dem Rücken liegend, im Zentrum seines Lebens in die Wolken starrend; ein Gieriger von vielen, so offensichtlich, so einfach: ein Vorbild für alle, deren Lebensentwurf in eine Sackgasse aus Fleisch und Zeit geführt hat.
"Du bist nicht gezwungen, weiterzumachen wie bisher! Du kannst alle Werkzeuge ausprobieren, die deine Persönlichkeit verändern!", ruft er denen zu, die sich verlieren müssen, um nicht erniedrigt und gefressen zu werden von der Großen Maschine. "Es ist immer genau die richtige Zeit für gefährliche Experimente! Stabilität und Sicherheit sind Bedürfnisse der Erloschenen und Gelangweilten. Als freier, lüsterner, überempfindlicher Mensch eine Welt wollen, in der alle ein schönes Leben haben, ist ein kleines, harmloses Kunststück, das nur diejenigen beeindruckt, die gierig, verkrampft und lieblos sind. Oh Ihr seid mehr als ihr glaubt! Zerfasert Euch! Dröselt Euch auf! Springt über die Klippe, denn das wilde Meer wird Euch empfangen ... Macht Euer Leben zu einem Fest für Eure besten Werte! Eure Depression und Eure Dummheit und Gleichgültigkeit sind nur Teil eines Programms, das die Große Maschine in Euer Fleisch installiert hat! Manipuliert das Programm! Stöpselt Euch aus! Behauptet Euch neu und verändert die Große Maschine nach Euren Bedürfnissen! Spielt mit allem! Nehmt nichts ernst außer Eure Neugier und Eure Liebe und lasst Euch gehen!"

Woran halte ich mich fest? An meiner Fähigkeit, Songs zu schreiben und zu performen, und an meiner Zuversicht, eines Tages ein anerkannter Schriftsteller und eines späteren Tages Bürgermeisterkandidat zu werden. Der Weg ist so klar, dieses Buch ist einer von vielen notwendigen Schritten. Wer beim Lesen mindestens dreimal lachen kann, gehört in meinen innersten Kreis und kann sich meiner Liebe und Loyalität sicher sein.

(Um es kurz zu machen: der erste Teil dieses Buches widmet sich der Schlaflosigkeit als das erste, von mir bewusst eingesetzte Mittel zur Gestaltung meiner Persönlichkeit, genauer: zur Dekonstruktion meiner verklemmten, bürgerlichen, ostdeutschen Identität. Der zweite Teil stellt die Wirkungen des Cannabis dar, mit dem ich die Nebenwirkungen der Schlaflosigkeit (beklemmende Paranoia, abstumpfender Nihilismus) auszugleichen lernte. Der dritte Teil ist eine Collage aus manischen, psychedelischen Texten, die unter DXM und LSD entstanden sind: eine Ursuppe aus Visionen, politischen Manifesten und Studien über Erfurt: der Kern meiner Kreativität, die Quelle meiner Autonomie: das dissoziierte Gehirn, eine zusammengeflickte Ekstase, ein Tonikum, ein Zauberspruch, ein Fluch.)

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